Laternenschein in kalter Nacht

Sie stand in ihren warmen Mantel gehüllt unter dem goldenen Schein der schweren Eisenlaterne. Am Himmel zog ein Schwarm von Vögeln vorbei, die gen‘ Süden flogen. Der Wind trug die farbigen Blätter in den wirrsten Formen durch die Gassen der Altstadt und die kühle Luft trug den Duft des nahenden Winters mit sich. Als sie dort so unter der Laterne stand, überfiel sie eine Welle des Glücks.

Sie war, wie jeden Montag und jeden Freitag der Woche hinunter in die Metzgerei gegangen, um sich eine kleine Portion des luftgetrockneten Schinkens, den sie so liebte, zu kaufen. Ein bisschen frisches Mett kaufte sie auch immer, da ihre Katze Greta es so gerne aß. Wie gewohnt ging sie also um halb neun hinunter und fand den Metzger Fred in seiner karierten Schürze vor. Seine Backen waren ganz rot und die ihren wurden auch immer ganz rosa, wenn sie ihn sah. Er begrüßte sie mit einem freudigen aber etwas nervösem Lächeln. Etwas komisch benahm er sich ja schon, dachte sie sich. Sie tauschten die üblichen Höflichkeitsfloskeln aus und sie bestellte ihren Einkauf, den Metzger Fred schon aus dem Stegreif aufsagen konnte. Sie bemerkte seine zittrige Hand, als er das Mett-Schälchen aus der Auslage holte.

Sie verabschiedeten sich und sie ging weiter in die Bäckerei von Frau Wunderbar, um sich ein paar kleine Frankfurter Kränze zu holen, die sie nachmittags immer zusammen mit Frau Pfeffer mit einer Tasse Kaffee verspeiste. Nachdem sie den neusten Klatsch und Tratsch ausgetauscht hatten (es wurde getuschelt, dass der Herr vom Buchladen eine Romanze mit Fräulein von Kirschholz aus der Chocolaterie in der Höllgasse hatte), ging sie zurück in ihre Dachstube. Dort wollte sie ihre Einkäufe verräumen, doch plötzlich erkannte sie auf der Verpackung ihres geliebten Schinkens ein paar in Eile gekritzelte Zeilen. Sie brauchte eine Weile diese zu entziffern, doch dann las sie:“ Samstag Abend, 20:00 Uhr unter der Laterne am Platz zum goldenen Gockel“. Da wurde ihr ganz warm um’s Herz.