Schokolade von Welt

Monsieur Doux war ein molliger Mann aus reichem Hause. Seine Eltern waren Industrielle und hatten für ihn vorgesehen, einmal die Geschäfte zu übernehmen. Monsieur Doux aber wollte nicht. Die Welt der Maschinen, riesigen Lagerhallen und des Papierkrams war nicht die Seine. Die Welt der süßen Dinge hingegen zog ihn magisch an. Schon als kleiner Junge hatte er das hausgemachte Salzkaramell seiner Oma Nanette, die in Brest an der bretonischen Küste lebte, mit Genuss verschlungen. Irgendwann einmal hatte er sie gebeten, ihm das Rezept zu zeigen. Ganz genau konnte er sich an den Moment erinnern, wie der feine Zucker zu Karamell schmolz und wie seine Augen zu leuchten begannen.

Als es an der Zeit war, für ihn die Geschäfte zu übernehmen, da wehrte er sich gegen den Willen seines Vaters. Er wollte kein Industrieller sein, er wollte feinste Schokolade und cremigen Nougat herstellen. Er wollte zuckrige Bonbons und klebrige Zuckerwatte zaubern. Er wollte um die Welt reisen, um die aller besten Kakaobohnen für seine Kreationen zu entdecken. Und genau das tat er auch. Seine Eltern brachen mit ihm und entsagten ihm das Erbe, doch Monsieur Doux war dies gleich. Er dachte an die letzten Worte seiner Oma, die ihm mit einem sanften Lächeln gesagt hatte: „Mon petit Nino, du warst schon immer anders, als die anderen. Scher dich nicht um die Meinung, die die Leute von dir haben. Du musst dein Leben leben, nicht die anderen. Mach das, was dein Herz in Schwingung versetzt.“

Mit seinem letzten Geld kaufte er sich einen alten Heißluftballon, mit dem er bei klarem Wetter in ferne Länder flog. Bei Herrn Fichte in den Schweizer Alpen ging er in die Lehre. Er brachte Monate damit zu den Ablauf des Schmelzprozesses und des Gießens der Schokolade zu perfektionieren. Im Frühling des Folgejahres sagte er Herrn Fichte Lebwohl und setzte seine Reise fort. Diese führte ihn nach Konstantinopel, wo er am Hof des Kaisers lernte und jeden Morgen, gelockt durch die Düfte von Gewürzen, durch die Gassen und Märkte der Stadt streifte. Eines Morgens machte er an einem Stand halt, der etwas verkaufte, was er noch nie zuvor gesehen hatte. „Was ist dies für eine wunderliche Pflanze?“ fragte er die Verkäuferin. „Bursche das ist Safran! Es wird weit weg in Kaschmir angebaut an den Hängen des Himalaya.“ Am nächsten Tag schon stieg er in seinen Heißluftballon und flog in Richtung des Himalaya. Nach einigen Monaten des Fliegens und Suchens (er war bis zu einem Bergdorf in schwindelerregenden Höhen geklettert, da ihm ein paar Einheimische gesagt hatten, dort würde die Pflanze angebaut werden) fand er das, wonach er suchte.  Dort teilte man ihm mit, er müsse erst selber eine Ernte aufziehen und ernten, um der geheimnisvollen Pflanze würdig zu werden. Also half er eine Saison mit und lernte den Zauber des wunderbaren Safran kennen. Nach Beendigung seiner Dienste gab man ihm ein paar Säckchen Safran mit auf seine Reisen. Er flog weiter über China und Japan, wo er in der Kunst des Teekochens unterrichtet wurde. Er flog über das große Meer, bis er nach Panama kam, wo er, nachdem er wochenlang durch den Dschungel gewandert war, auf einer Plantage das Ziehen und Ernten von Kakaobohnen lernte. In Brasilien verliebte er sich in den Duft des Kaffees und in Peru in den Kakao der alten Inkas.

Es waren viele Jahre vergangen noch immer flog Monsieur Doux mit seinem Heißluftballon umher. Doch seine Brust schmerzte ihn von Tag zu Tag mehr. Das Heimweh hatte ihn gepackt. Er vermisste Paris und beschloss heimzukehren. Mehrere Monate gingen ins Land, bis er die französische Küste erreicht hatte. Er landete in Brest, noch war er nicht bereit endgültig nach Hause zurückzukehren. Am alten Haus seiner Großmutter machte er halt. Eine alte Dame schlurfte langsam an ihm vorbei. Ihr faltiges Gesicht leuchtet, als sie ihn erkannte. „Bonjour, du bist doch der Doux Bursche! Mit  dem Rauschebart habe ich dich fast nicht mehr erkannt. Ich bin es Madame du Pont. Ich war die Nachbarin deiner Großmutter.“ Sie umarmten sich herzlich und Madame du Pont lud ihn auf eine Tasse Tee zu sich ein. Er erzählte ihr von seinen zahlreichen Abenteuern und sie lauschte mit großen Ohren. Als er geendet hatte sagte sie: „Wahrlich du bist ein Mann von Welt. Nicht viele sehen in ihrem Leben die Dinge, die du sahst. Aber, mein Junge, ich werde das Gefühl nicht los, dass du eine Traurigkeit mit dir herum trägst.“ In der Tat, es war wahr. Ihm fehlte seine Familie, ihm fehlte seine Großmutter. „Ich verstehe dich, mon fils, aber wer sich selbst nicht findet, kann auch von niemand anderem gefunden werden.“

Einige Tage dachte er über das Gespräch mit Madame du Pont nach, bis es ihm wie Schuppen von den Augen fiel. Er hatte vieles gesehen, vieles gelernt, zahlreiche Menschen getroffen und Orte gesehen, von denen manche nur träumen konnten. Aber wahrlich, sein Glück hatte er noch nicht gefunden.

Einige Monate später war es soweit. In der Rue du Friandises hing nun ein neues Schild. Es las „Monsieur Douxs Chocolaterie“. Tafeln von Schokoladen in knisterndes Papier geschlagen, lagen aufgetürmt auf den Tischen. Gläser voller bunter Bonbons, Konfekt und hübsch verpackte Kleinigkeiten zierten die Wände des Ladens. Und von Innen strahlend stand Monsieur Doux hinter der Theke. Die Glocke an der Tür bimmelte aufgeregt. „Was kann ich für Sie tun Mon-„, er verstummte, als er in das Gesicht eines Mannes mit gepflegtem Bart, grauen Augen und Falten um den Mund blickte. Wortlos schob der Mann ihm eine salbeigrüne Verpackung zu, auf der in schönen, geschwungenen Lettern stand „Nanettes Caramel Salé“ und er sagte leise: „Ich bin stolz auf dich mon fils“

Tüten Design by Katrin Feller